Der ökumenische Besuchsdienst an den Bayreuther Krankenhäusern besteht seit 40 Jahren. Einer, der jede Woche ehrenamtlich Patientinnen und Patienten im Klinikum besucht, ist Bernhard Schubert. Was ihn motiviert, welche schönen und welche traurigen Erlebnisse er dabei hat, berichtet Bernhard Schubert in diesem Interview.

Wen trifft er hinter dieser Tür? Was wird ihm dieser Mensch erzählen? Bernhard Schubert nimmt sich Zeit zum Zuhören.

Wie viel Nähe, wie viel Distanz? Die Aktiven im Besuchsdienst finden ihre persönliche Balance.

Herr Schubert, warum engagieren Sie sich im Besuchsdienst?

Schubert: Ich möchte der Patientin oder dem Patienten bei meinem Besuch ein wenig Zeit schenken. Das hat auch mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun. Ich hatte vor zwölf Jahren einen schweren Autounfall und lag 18 Wochen lang hier im Klinikum. Ich habe hier viel erlebt und gespürt, wie einsam man als Patient manchmal ist. Nach einer gewissen Zeit kommt kein Freund mehr, für die Familie ist die Situation belastend. Da fehlt jemand, mit dem man über die offenen Fragen und Sorgen sprechen kann. Wie geht es weiter in meinem Leben? Was wird aus meinem Beruf? Klappt es in der Familie? Es gibt viele Punkte, die man mit einem Fremden leichter besprechen kann als mit Menschen, die einem sehr nahe stehen.

Weil man Freunde und Familie nicht noch mehr mit den eigenen Sorgen belasten möchte?

Schubert: Weil Freunde nach kurzer Zeit abschalten. Sie halten nicht aus, was sie hören. Klar, mit Familienmitgliedern spricht man viel. Aber sie warten darauf, dass sich Veränderungen und Verbesserungen einstellen. Als Patient selbst stellt man eine Zeit lang allerdings wenig Veränderung fest. Die Familie hat immer mehr Hoffnung und als Patient hat man das Gefühl: Das hört ja gar nicht auf. So ging es jedenfalls mir.

Wie wurden Sie auf Ihre Aufgabe im Besuchsdienst vorbereitet?

Schubert: Dafür gibt es einen Kurs der Klinikseelsorge. Dieser Kurs hat mich persönlich weitergebracht. Jeder Mensch hat eine Zeit in seinem Leben, die für ihn schwierig war, über die er kaum reden kann und die ihn geprägt hat. In diesem Kreis hat jeder von seiner ganz speziellen Geschichte berichtet. In solchen Situationen lernt man zuzuhören. Genau zuzuhören, man lässt den Menschen ausreden. Ich habe gelernt, in einem Gespräch dem Patienten und mir selbst nicht zu schaden. Für mich ist wichtig: Ich möchte nicht missionieren. Ich möchte dem Patienten meine Zeit schenken.

Zuhören ist der zentrale Punkt?

Schubert: Zuhören ist das Wesentlichste überhaupt. Wenn man zuhört, wenn man schweigen kann, entwickelt sich ein Gespräch, das von der Patientenseite kommt. Dann filtern wir Stellen heraus, fragen nach, ob der Patient darüber reden möchte. Über den Tod des Kindes zum Beispiel, über den Tod des Partners, eine Trennung oder die eigene Krankheitsgeschichte.

Was war Ihr schönstes, was war Ihr bedrückendstes Erlebnis im Besuchsdienst?

Schubert: Ich komme in ein Zimmer mit zwei Damen um die 80. Da kommt also ein relativ junger Mann herein. Die haben mich angesehen. Was will der hier? Was erzählt der hier? Ich habe gesagt: Meine Damen, ich komme hier nur zur Unterhaltung. Nicht zum Tanzen. Damit war das Eis gebrochen, wir hatten dann ein tolles Gespräch. Dieser Moment gehört zu meinen schönsten Erlebnissen. Ganz schlimm war die Geschichte einer Frau, die mir vom Tod ihres Kindes erzählt hat. Dieses Ereignis selbst war aber noch nicht das Schlimmste für sie, es war vielmehr das Verhalten ihres besten Freundes. Der hatte zu ihr gesagt: Was tust Du Dich denn ab? Du hast doch noch ein Kind. Die Frau hat jämmerlich geweint. Sie hat ihren besten Freund nie mehr ansehen können, nie mehr mit ihm reden können. Er wollte das sicher nicht so sagen. Aber es ist geschehen. Das ist auch ein Thema für den Besuchsdienst: Überlege Dir, was Du sagst. Deshalb ist es besser, abzuwarten und den Menschen erzählen zu lassen. Manchmal komme ich auch zu Patienten, die gerade Besuch von ihrem Partner haben. Daraus ergeben sich mitunter Gespräche, die diese beiden sonst wohl nie geführt hätten.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Patientinnen und Patienten?

Schubert: Die schönste Rückmeldung ist ein Lächeln und ein Dankeschön.

Das heißt, Ihr Ehrenamt gibt Ihnen etwas zurück?

Schubert: Ja. Ich habe das schon oft hinterfragt und komme zu diesem Ergebnis: Ich trete aus meinen eigenen Gedanken heraus. Ich öffne eine Tür, ohne zu wissen, wer da kommt. Ich komme in ein völlig neues Gespräch. Damit habe ich die Möglichkeit, das Leben immer wieder aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Zu erleben, auch wie endlich das Leben ist. Wenn ich das Gefühl habe, ich habe diesem Menschen in der Zeit, die ich mit ihm verbracht habe, ein Stück Lebensqualität geschenkt, ist das eine große Freude. In jeder Erzählung findet sich eine kleine Geschichte, mit der ich die Menschen abholen kann. Zum Beispiel bei dem Mann, der seit zwei Jahren um seine Partnerin trauerte. Er konnte mit dieser Trauer nicht umgehen, er ist darüber krank geworden. Wir haben uns unterhalten und ich habe ihn gefragt: Haben Sie ein Fotoalbum von früher? Sie werden kein Bild finden, das zeigt, wie Sie gestritten oder geweint haben. Dann kamen die Gedanken an das, was sie gemeinsam erlebt hatten. Und dann kommen auch wieder die guten Bilder. Die Trauer bleibt, aber man kann damit umgehen.

 

Fakten zu 40 Jahren ökumenischer Besuchsdienst

Die Aufgabe: „Da sein – zuhören - Hoffnung geben.“ Das haben sich die derzeit zehn ehrenamtlichen Aktiven des  ökumenischen Besuchsdienstes zur Aufgabe gemacht. Am Samstag, 18. November, feiert der Besuchsdienst, der sich konfessionsübergreifend um die Patientinnen und Patienten der Bayreuther Krankenhäuser kümmert, sein 40-jähriges Bestehen.

Die Anfänge: Wolfgang Kublike hatte die Initiative ergriffen. In den 1980er Jahren brachte er die Idee, einen Besuchsdienst für die Menschen in den Bayreuther Krankenhäusern einzurichten, aus den USA mit.  Im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums steht ein Satz, der den Pfarrer und Krankenhausseelsorger nicht mehr losließ: „Als ich krank war, habt ihr mich besucht.“ Das heißt auch: Krankenhausseelsorge ist mehr als das Feiern von Gottesdiensten.

Der Ablauf: Heute engagieren sich neun Frauen und ein Mann im Besuchsdienst. Einmal pro Woche, zwei Stunden lang. Über den Menschen, den sie im nächsten Moment treffen werden, wissen die Besucherinnen und der Besucher wenig. Name, Alter, Zimmernummer – das war’s. Was kein Nachteil sein muss, denn so sind sie unvoreingenommen. „Man klopft an und bietet ein Gespräch an“, sagt Pastoralreferentin Barbara Maier-Schäfer. „Für diese Aufgabe sollte man viel Interesse an Menschen haben und psychische Stabilität mitbringen.“

Die Ausbildung: Die Aktiven des Besuchsdienstes werden geschult. In Ausbildungskursen lernen Interessierte sich selbst besser kennen, bekommen ein Gefühl für Gesprächsführung und finden ihr Gleichgewicht aus Nähe und Distanz. Nach dieser Ausbildung, einem Praktikum und dem Austausch von Erfahrungen entscheiden die Teilnehmer, ob sie sich weiterhin engagieren wollen. Und einmal im Jahr werden sie ausdrücklich gefragt: Willst Du weitermachen? Es soll ein bewusster Entschluss sein.

Wer Interesse am ökumenischen Besuchsdienst hat, wendet sich an die  Krankenhausseelsorge unter den Rufnummern 0921/400-2910 und -2911.

Die Feier: Gefeiert wird am Samstag den 18. November mit einem Fortbildungstag zum Thema „Biografiearbeit“ im Konferenzraum 1 des Klinikums. Ab 16 Uhr lädt der Besuchsdienst zudem ehemalige Aktive ein,  um dann gemeinsam ab 17.30 Uhr einen ökumenischen Gottesdienst in der Klinikkapelle zu feiern, bei dem drei neue ehrenamtliche Mitglieder aufgenommen werden.