Ob Wagner oder Schmidt, Müller oder Meier – wer jünger als 45 Jahre ist und in Bayreuth geboren wurde, hat vermutlich schon einmal bei ihr im Arm gelegen. Schwester Gerti ist seit mehr als 40 Jahren die gute Seele der Wochenstation im Klinikum Bayreuth, die seit 1991 leitet. Nun geht sie in den Ruhestand. Künftig ganz ohne Kinder? Nein, das sicher nicht: Gertrud Stake ist dreifache Mutter, sechsfache Oma und hat inzwischen sogar einen Urenkel.

Eigentlich ist sie aus dem Schwesternzimmer, in dem sie gerade sitzt, nicht wegzudenken. Die Schwestern sitzen in der Pause zusammen, Gerti mittendrin. Der Tisch ist klein, es ist eng, aber gemütlich. Bevor alle wieder an die Arbeit gehen, wird aufgeräumt. Es dauert keine zwei Minuten, dann ist der Raum leer. Jeder Handgriff sitzt, es wird zusammengeholfen – wie bei der Arbeit auch.  „Wir sind ein gutes Team“, sagt Gerti. „Viele von uns kennen sich seit mehr als 20 Jahren.“ Es klingt nicht wehmütig, wenn sie das sagt. Es klingt stolz. Sie sieht in dem Zusammenhalt den Erfolg ihrer Arbeit. „Bei uns geht es nicht in erster Linie um medizinische Belange. Bei uns sollen sich die Mütter, Kinder und auch die Väter wohl fühlen“, sagt sie. Da sei die Psyche oft wichtiger. Ein guter Start, das sei so wichtig. Er kann wegbereitend sein für ein ganzes Leben. 

Mütter im Ausnahmezustand

„Mütter nach der Entbindung sind immer im Ausnahmezustand“, sagt sie. Die Hormone eben. Das reiche von Freude, über Überforderung bis hin zu Depressionen.

Gerti hat viel Glück erlebt in so vielen Jahren, aber auch viel Leid. Natürlich bleiben einzelne Geschichten und Schicksale besonders in Erinnerung.

Wenn ein früh geborenes Kind nach langen Wochen in der Klinik mit seiner Familie nach Hause darf – das ist einer der Momente, in denen Gerti ihren Beruf besonders liebt. Mit den Eltern hat sie gebangt, sich über kleine Erfolge und Fortschritte gefreut.Vor Bindungen hat sie keine Angst. Vielleicht ist das der Grund, warum es sie nie weggezogen hat. „Viele sagen, man muss einmal über den Tellerrand geschaut haben, andere Städte und Krankenhäuser sehen. Aber lernen kann man überall, wenn man offen für Neues ist“, sagt sie. Diesem Grundsatz ist sie ihr ganzes Berufsleben treu geblieben. Das haben wir schon immer so gemacht? Nicht mit ihr.

Ein Mann im Wochenbett

1969 hat sie als Praktikantin im Krankenhaus angefangen und 1971 direkt im Anschluss ihre Ausbildung begonnen. Nach dem Examen 1974 blieb sie auf der Wochenstation. Damals noch bei den Schwestern im städtischen Krankenhaus. Einmalwindeln, Einwegspritzen – Fehlanzeige. „Das gab es damals alles nicht. Die Frauen wurden auf der Wochenstation betreut, die Kinder im Kinderzimmer. Fünfmal am Tag hat eine Schwester die Kinder mit einem Wagen zu den Müttern gebracht und nach dem Füttern wieder abgeholt“, erinnert sie sich. Sie wollte das ändern, hat 1986 im Rahmen ihres Stationsleiter-Kurses einen Artikel über Roomingin geschrieben. Ein Aufschrei, die Kollegen skeptisch. Bis zur Umsetzung vergingen Jahre. „Die Mütter musste man regelrecht überreden, die Kinder bei sich zu behalten, das kann sich heute keiner mehr vorstellen.“ Heute gibt es Familienzimmer, in denen auch der Vater mit übernachten kann. „Das war schon komisch, als der erste Mann im Pyjama durch die Gänge gelaufen ist“, sagt Gerti, findet es aber gut, dass die Väter so eingebunden sind. Und dass man sich nach außen geöffnet hat: Kreißsaalführungen, Führung über die Station, die Ausbildung der Stillberaterinnen – sie hat all diese Änderungen mit durchgeboxt. Aber auch Annehmlichkeiten wie das Frühstücksbuffet für Mütter gehen auf ihr Konto.

Sie hat auch dafür gekämpft, dass Eltern sich verabschieden können. Still geborene Kinder heißen die, die nicht gelebt haben, aber doch geliebt werden. „Der Abschied ist so wichtig und war so lange nicht üblich.“

Filmreife Vorstellung

Was ihr außerdem immer in Erinnerung bleiben wird: Bayreuth war unter Prof. Hans Weidinger Ende der 70er Jahre Vorreiter bei der Wehenhemmung. „Ich habe damals sogar in einem kleinen Film mitgespielt.“ Schwester Gerti lacht. Bis dahin lagen Frauen mit vorzeitigen Wehen oft wochenlang. Ruhiggestellt. „Wir haben sie mitsamt dem Bett in den Innenhof gefahren, damit sie wenigstens ein bisschen Sonnenlicht und frische Luft bekommen. Eine Frau wollte partout im Bett ihre Haare waschen, da haben wir sie auf eine Trage gelegt und die Haare im Bad gewaschen.Das alles ist heute weit weg, und doch gerade noch einmal so präsent. Dabei will sie sich mit Rückblicken gar nicht aufhalten. Ihre Station weiß sie in guten Händen: Andrea Flessa, die die Stationsleitung übernehmen wird, ist bereits seit vielen Jahren an ihrer Seite. „Bei ihr wird es den Müttern und Kindern auch in Zukunft gutgehen.“

 

So haben ihre Kollegen sie verabschiedet: eine Bidlergalerie.