Den Schmerz ausblenden

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Die Klinikum Bayreuth GmbH setzt als einziges Krankenhaus in Bayern eine Virtual-Reality-Brille bei Eingriffen mit Regionalanästhesie und für Schmerzpatienten ein.

Diese Patientin wird Stefan Scharnagel, Teamleiter des Akutschmerzdienstes der Klinikum Bayreuth GmbH, nie vergessen. Wochen nach ihrer Entlassung steht sie wieder vor ihm. Sie kämpft mit den Trränen und sagt: „Danke.“ Stefan Scharnagel hatte ihr geholfen. Mit einem Entspannungsvideo, mit Musik, mit Aromaölen und Akupressur. Möglichst viele Sinne zugleich ansprechen, so funktioniert nichtmedikamentöse Schmerztherapie am besten. „Das war das schönste Erlebnis, das ich während meines Krankenhausaufenthalts hatte“, sagt die Patientin. Es hat ihre Schmerzen gelindert.

Virtuelle Realität

Für Scharnagel ist das die Bestätigung schlechthin. Jetzt will er die nichtmedikamentöse Schmerztherapie an der Klinikum Bayreuth GmbH noch besser machen. Er sucht Mitstreiter – und findet einen in Prof. Dr. Jörg Reutershan, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin und damit auch des Akutschmerzdienstes. Eine Virtual Reality-Brille soll her. Nicht irgendeine, eine als Medizingerät zugelassene. Die Klinikum Bayreuth GmbH ist das einzige Krankenhaus in Bayern, das diese Technik einsetzt.

Patienten haben die Wahl

„Die Brille“, sagt Scharnagel, „hilft unseren Patientinnen und Patienten in unterschiedlichen Situationen.“ Zum Beispiel bei Eingriffen ohne Vollnarkose. Patienten haben jetzt die Wahl: sich neben der Regionalanästhesie mit einem Medikament sedieren zu lassen. Oder die audiovisuelle Entkopplung mit Hilfe der Brille und Kopfhörer zu nutzen. Es sind Naturfilme oder Dokumentationen, Entspannungssequenzen, Kinderfilme oder Komödien, die den Patienten die für ihn ungewohnte Situation ausblenden lassen, wenn er Brille und Kopfhörer aufsetzt und der Eingriff läuft. „Damit vermeiden wir psychische Belastung des Patienten“, sagt Scharnagel. „Und im Vergleich zu einem Sedativum ist die Brille natürlich die schonendere Variante für den Patienten.“

"Ich würde es wieder so machen"

Einer von ihnen ist Rainer Selwetschka. Der 63-Jährige hatte ein paar Bedenken vor seiner Operation am Zeh. „Ich wollte nichts mitkriegen, vor allem nichts hören“, sagt er. Als man ihm die Brille anbot, hat er spontan ja gesagt. „Und ich würde es wieder so machen.“ Ein bisschen Ruckeln am Fuß - das war alles, was er von der Operation mitbekommen hat. „Und ich war sofort danach wieder fit.

Angst vor der Narkose

“Das, sagt Anästhesie-Chefarzt Prof. Dr. Reutershan, ist der ganz große Vorteil an einer Regionalanästhesie. „Der Patient ist während der OP und Stunden danach schmerzfrei. Übelkeit und Erbrechen, die als Nachwirkung einer Vollnarkose austreten kann, gibt es nicht. Dass jetzt die Brille auch noch die Möglichkeit eröffnet auf ein Sedativum zu verzichten, hält Reutershan für einen Fortschritt. Denn: „Gar nicht so wenige Patienten haben vor einer Narkose oder einer Sedierung mehr Angst als vor dem Eingriff selbst.“

Positive Rückmeldungen

„Extrem gute Rückmeldungen“ bekommen Scharnagel und seine Kollegen auch von Schmerzpatienten nach Operationen. Für manche von ihnen dreht sich die Spirale aus Gedanken und Gefühlen immer schneller. Sie grübeln über ihre Erkrankung oder Verletzung, haben Zukunftsängste, Schmerzen, haben vielleicht einen lieben Menschen bei einem Unfall verloren oder sind körperlich eingeschränkt . „Und sie kommen aus diesem Negativ-Kreislauf nicht mehr raus.“ Mit der Brille entspannen sich viele von ihnen tief, schlafen ein und kommen zur Ruhe.

Das Konzept gegen Schmerzen

Sein Wissen über nichtmedikamentöses Schmerzmanagement gibt Stefan Scharnagel in selbstentwickelten Seminaren weiter. Die finden regelmäßig statt und sind ebenso regelmäßig ausgebucht. Aus ganz Deutschland kommen die Teilnehmer nach Bayreuth, inzwischen auch aus Österreich und der Schweiz. „Wir werden die Einsatzmöglichkeiten der Brille und die Erfolge damit künftig in diese Schulungen einbauen“, sagt Scharnagel. So will er dem Schmerzlindern mit weniger Medikamenten zum Durchbruch verhelfen. Und dafür tut er auch mal ganz praktische Dinge: zum Beispiel Entspannungsfilme selbst zu produzieren und sie zum freien Download ins Internet zu stellen. Die Musik stammt ebenfalls von einem Mitarbeiter der Klinikum Bayreuth GmbH. Martin Zeidler hat sie in seinem eigenen Tonstudio zusammengestellt.

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„Ich würde mich wieder für die Brille entscheiden“, sagt Rainer Selwetschka. Chefarzt Prof. Dr. Jörg Reutershan (links) und Stefan Scharnagel, Teamleiter des Akutschmerzdienstes, haben die Virtual-Reality-Brille an die Klinikum Bayreuth GmbH gebracht.