Wenn Gewalt passiert: Klinikum Bayreuth bietet vertrauliche Spurensicherung an

Nach sexualisierter Gewalt oder körperlicher Misshandlung benötigen Betroffene schnelle medizinische Hilfe – gleichzeitig fällt es vielen Menschen unmittelbar nach einer solchen Erfahrung schwer, über eine Anzeige bei der Polizei zu entscheiden. Das Klinikum Bayreuth bietet deshalb ab sofort die Möglichkeit der vertraulichen Spurensicherung an. Betroffene können sich medizinisch untersuchen und mögliche Spuren der Tat sichern und dokumentieren lassen, ohne dass diese automatisch an die Polizei weitergegeben werden.

Das Angebot steht rund um die Uhr zur Verfügung. Betroffene können sich sowohl an die Zentrale Notaufnahme als auch an die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe wenden. Das Klinikum Bayreuth ist der einzige Leistungserbringer für die vertrauliche Spurensicherung in Oberfranken.

„Gewalt ist eine Erfahrung, die einen Menschen tief erschüttern kann. Gerade nach sexualisierter Gewalt oder körperlicher Misshandlung ist es deshalb wichtig, dass Betroffene schnell einen Ort finden, an dem sie medizinische Hilfe bekommen und gleichzeitig selbst bestimmen können, was als Nächstes passiert“, sagt Landrat Florian Wiedemann, Aufsichtsratsvorsitzender der Klinikum Bayreuth GmbH.

Mit der vertraulichen Spurensicherung können mögliche Spuren fachgerecht gesichert und aufbewahrt werden. Betroffene müssen sich nicht unmittelbar entscheiden, ob sie Anzeige erstatten möchten. Die gesicherten Beweismittel werden nicht automatisch an Polizei oder Staatsanwaltschaft weitergegeben. Erst mit dem ausdrücklichen Einverständnis der betroffenen Person können sie für strafrechtliche Ermittlungen oder gegebenenfalls ein zivilrechtliches Verfahren zur Verfügung gestellt werden.

„Wir dürfen von Menschen, die gerade Gewalt erfahren haben, nicht erwarten, dass sie in diesem Moment bereits alle Entscheidungen treffen können. Wir müssen ihnen vielmehr Möglichkeiten eröffnen und ihnen Zeit geben“, betont Wiedemann. Dass die vertrauliche Spurensicherung am Klinikum Bayreuth rund um die Uhr angeboten werde, sei deshalb ein wichtiger Schritt für die gesamte Region. „Vor allem aber wünsche ich mir, dass Betroffene wissen: Es gibt Hilfe. Und sie müssen diesen Weg nicht allein gehen.“

Wie die vertrauliche Spurensicherung konkret abläuft und welche medizinischen Möglichkeiten bestehen, erläutert Prof. Dr. Christoph Mundhenke, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe. Zur vertraulichen Spurensicherung gehören insbesondere die medizinische Untersuchung, die Sicherung möglicher Spuren am Körper sowie die Dokumentation von Verletzungen und Befunden. Auch Kleidungsstücke oder andere Gegenstände, an denen sich möglicherweise Spuren befinden, können wichtige Beweismittel sein.

„Wenn ein Mensch Gewalt erlebt hat, braucht es zunächst vor allem Sicherheit und medizinische Versorgung. Gleichzeitig wissen wir, dass eine schnelle und professionelle Spurensicherung später von großer Bedeutung sein kann“, sagt Prof. Dr. Christoph Mundhenke.

Die gesicherten Beweismittel werden ordnungsgemäß aufbewahrt und an das Institut für Rechtsmedizin Würzburg übermittelt. Die reguläre Aufbewahrungsfrist beträgt zwei Jahre. Betroffene können eine frühere Vernichtung oder eine Verlängerung der Aufbewahrungsfrist verlangen. Wichtig: Die vertrauliche Spurensicherung umfasst keinen HIV- oder Hepatitistest.

Für die medizinische Dokumentation und die eindeutige Zuordnung der gesicherten Spuren benötigen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte den Namen und die Kontaktdaten der betroffenen Person. Diese Angaben werden vertraulich behandelt. Nach außen bleibt die Vertraulichkeit gewahrt. Eine Weitergabe der gesicherten Beweismittel an Polizei, Staatsanwaltschaft oder andere Stellen erfolgt nur mit ausdrücklichem Einverständnis der betroffenen Person. Auch die Abrechnung mit der gesetzlichen Krankenkasse erfolgt anonymisiert. Die Krankenkasse erfährt nicht, bei welcher versicherten Person die vertrauliche Spurensicherung durchgeführt wurde.

Für Oberbürgermeister Dr. Andreas Zippel, Zweckverbandsvorsitzender der Klinikum Bayreuth GmbH, ist vor allem der niedrigschwellige Zugang zu dem Angebot wichtig. „Wenn ein Mensch Gewalt erlebt hat, ist vieles zunächst von Unsicherheit, Angst und vielleicht auch Scham geprägt. In einer solchen Situation kann der Gedanke an eine Anzeige bei der Polizei für Betroffene eine zusätzliche Hürde sein. Das bedeutet aber nicht, dass sie keine medizinische Hilfe oder Unterstützung brauchen“, sagt Zippel.

Die vertrauliche Spurensicherung gebe Betroffenen die Möglichkeit, Verletzungen behandeln und mögliche Spuren professionell sichern zu lassen, ohne unmittelbar eine Entscheidung über eine Anzeige treffen zu müssen. „Wir geben den Menschen die Kontrolle über das weitere Vorgehen zurück. Sie entscheiden selbst, was mit den gesicherten Spuren geschehen soll und ob sie zu einem späteren Zeitpunkt weitere Schritte gehen möchten.“

Das Angebot sei auch deshalb wichtig, weil Betroffene nach einer Gewalterfahrung häufig mehr als medizinische Unterstützung benötigten.

Das Klinikum Bayreuth arbeitet mit regionalen Beratungsstellen und Einrichtungen zusammen, darunter Avalon e. V., die staatlich anerkannte Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen am Landratsamt Bayreuth, die staatlich anerkannte Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen der Diakonie Bayreuth sowie das Frauenhaus Bayreuth.

Für Klinikum-Geschäftsführer Dietmar Pawlik gehört die Unterstützung von Menschen nach Gewalterfahrungen zum umfassenden Versorgungsauftrag des Klinikums. „Unsere Aufgabe besteht nicht allein darin, Verletzungen zu behandeln. Wir wollen Menschen auch in einer Situation unterstützen, in der sie sich möglicherweise besonders verletzlich, verunsichert und hilflos fühlen“, sagt Pawlik. Das Klinikum habe die vertrauliche Spurensicherung deshalb bewusst an zwei zentralen Stellen verankert – in der Zentralen Notaufnahme und in der Frauenklinik. „Wer nach einer Gewalterfahrung zu uns kommt, soll spüren: Ich werde ernst genommen. Mir wird geglaubt. Ich bekomme die Hilfe, die ich jetzt brauche. Und meine Entscheidung darüber, wie es weitergeht, wird respektiert.“

Betroffene sollten nach Möglichkeit so schnell wie möglich nach der Tat medizinische Hilfe suchen. Wer Spuren erhalten möchte, sollte möglichst nicht duschen und die beim Tathergang getragene Kleidung nicht wechseln. Getragene oder beschädigte Kleidung sowie gegebenenfalls benutzte Hygieneartikel wie Tampons, Slipeinlagen oder Taschentücher sollten zur Untersuchung mitgebracht werden.

Auch wenn bereits geduscht oder die Kleidung gewechselt wurde, kann eine medizinische Untersuchung sinnvoll sein.

Zentrale Notaufnahme:
0921 / 400-3111
Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe:
0921 / 400-5599
Die vertrauliche Spurensicherung ist an beiden Stellen rund um die Uhr möglich.
 

Sechs Erwachsene posieren als Gruppe in einem hellen Konferenzraum, alle halten Informationsflyer und lächeln in die Kamera; Mischung aus Anzug- und Freizeitkleidung, offizieller Anlass.

Die vertrauliche Spurensicherung ist ein Gemeinschaftsprojekt. Von links: Oberbürgermeister Dr. Andreas Zippel, Landrat Florian Wiedemann, Klinikum-Geschäftsführer Dietmar Pawlik, Rebekka Dalmer von Avalon, Janina Kiekebusch (SPD) und Prof. Dr. Christoph Mundhenke.

Ein lächelnder Mann im Anzug hält eine Broschüre in die Kamera. Auf der Vorderseite steht Klinikum Bayreuth und Vertrauliche Spurensicherung, dazu ein Symbol einer Lupe. Die Szene verweist auf ein Angebot zur vertraulichen Spurensicherung im Klinikum.

Prof. Dr. Christoph Mundhenke, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe.